Wie Social Travelling Plattformen Entwicklungshilfe leisten könnten.
18. November 2011 – 15:53Früher hat man eine Fernreise im Reisebüro gebucht und hat dann Menschen vor Ort kennen gelernt oder man hat sich Freunde geschnappt, ist ins Auto gestiegen und ist irgendwo hin gefahren.
Irgendwann kam dann das Internet und Menschen konnten Reisen online buchen. Doch sie verabredeten sich auch in Chats, Foren und Social Networks. Die Gründung von Couchsurfing.org im Jahre 2003 markiert wohl den Beginn des „Social Travelling“. Menschen bieten fremden Menschen kostenlos ihre Couch als Schlafplatz an; aus Interesse an anderen Menschen und als „Vertrauens-Vorschusslorbeeren“ für spätere eigene Reisen. Bis dahin musste man sich kostenpflichtig in Hotels oder Pensionen einmieten oder kam bei Freunden unter.
Mit der Gründung von Airbnb.com in 2008 erreichte Social Travelling dann das nächste Level – bezüglich Demokratisierung des Tourismus als auch der Kommerzialisierung des Themas. Der deutsche Ableger 9flats.com folgte Ende 2010, die Samwer-finanzierte Plattform Wimdu.de Anfang 2011. Die Idee: Privatanbieter vermieten ein Zimmer oder auch ihre ganze Wohnung an andere Menschen. Im Vergleich zu Couchsurfing bekommt der Mieter besseren Komfort, im Vergleich zu einem Hotel ein individuelleres Wohnerlebnis. Es ist halt ein Zuhause und kein Hotelzimmer. Vielleicht lernt er sogar seinen Vermieter kennen bzw. kann in der WG des Vermieters leben. Zwar muss man auf den Komfort eines Hotels verzichten, zahlt aber auch deutlich weniger. Ich glaube, das Thema steht auf der Schwelle von der Nische zum Massenphänomen. 2012 wird sich „Social Travelling“ endgültig etablieren; nicht nur als Terminus. Aber ich denke auch, dass das Thema Potential zu „noch mehr social“ hat.
Vor Kurzem hat mich dann ein Freund auf die Unterstützung von Viva con Agua durch Airbnb hingewiesen. Ein Teil der Gebühren des Vermieters sowie ein Teil der Airbnb-Gebühren werden dem guten Zwecke gespendet. Viva con Agua finanziert mit dem Geld dann z.B. den Bau von Brunnen oder andere Wasser-Projekte. Super Kombi! Es scheint, als hätte Airbnb einen Sinn für Soziales. Dazu später mehr.
Ich hatte im August diesen Jahres das Glück, Gast eines jungen Mannes auf Lombok (Indonesien) sein zu dürfen. Opie lud mich ein bei ihm zu übernachten, seine Oma kochte Frühstück und lud mich später auch noch zum Mittag mit seinen Brüdern ein. Am Vormittag dürfte ich Opie’s Roller ausleihen und am Nachmittag haben wir eine Hochzeit in der Nachbarschaft besucht. Ich habe die Zeit und die Gastfreundschaft von Opie und seiner Familie sehr genossen. Viele Backpacker die ich später kennen gelernt habe, haben mich sehr um diese Erfahrung beneidet. Ich habe mich damals mit einer Tankfüllung, einem Essen und ein paar Bieren revanchiert, mich aber oft gefragt, ob ich ihm lieber hätte Geld geben sollen und ob er das evtl. als anmaßend empfunden hätte. Immerhin war er zu der Zeit arbeitslos und hätte gerne sein Haus fertig gebaut. Whatever …ich schweife ab. Denn aus diesem Erlebnis ist immerhin eine Idee entsprungen:
Opie hat das, was Backpacker wollen und andersherum. Mit seiner Gastfreundschaft könnte Opie Geld verdienen: Ein einfaches Bett und eine Waschgelegenheit. Frühstück, Mittag und Abendbrot und einen Tourguide mit Scooter können dazu kommen. Fertig ist das Angebot. Es ist günstiger als Bungalows und billige Absteigen und vor allem es ist ursprünglich und authentisch! Zwar gibt es in einigen touristischen Regionen schon ein paar Homestays aber die sind nicht vorab buchbar und auch nicht sonderlich transparent. Für „Opie’s Homestay“ wäre es das Beste wenn Touristen sie online finden, ansehen, buchen und weiterempfehlen könnte. Und hier kommen die Social Travelling Plattformen ins Spiel. Sie bilden den Marktplatz, auf dem Opie’s Angebot auf des Backpacker-Bedürfnis trifft. Für die Plattform hätte es den Vorteil, sich weitere Kundengruppen zu erschließen und einen sozialen Anstrich zu bekommen.
Allerdings haben Menschen ohne technische Ausstattung keinen Zugang zu diesen Plattformen; einige Menschen können vielleicht nicht einmal lesen. Sie befinden sich in einer Art Armuts-Dilemma: Ohne Geld keine Technik, ohne Technik keinen Zugang zur modernen Welt, die wiederum neue Einnahmequellen bietet.
Die Lösung wäre ein regionaler Partner, der bei der Formulierung des Angebots und der Gestaltung unterstützt. Kiva.org betreibt bereits eine bestehende Infrastruktur für die Vergabe von Mikro-Krediten. Zudem gibt es viele Hilfsorganisationen die direkt vor Ort sind. Eventuell wäre hier eine Zusammenarbeit möglich. Zusätzlich könnte die Travel-Plattform auf einen Anteil seiner Gebühr verzichten. Über ein Handy verfügen inzwischen schon recht viele Menschen. Das Buchungsmanagement könnte z.B. per SMS organisiert werden: „New guest, 12.12.-14.12.| Pickup: 12.12., 14.00, Hafen Hamburg – Pier:3, Please confirm“.
Vielleicht ist der Markt für diese Form von Urlaub nicht besonders groß. Viele Menschen wollen gar nicht sehen, wie es in den Hinterhöfen ihrer Urlaubsländer aussieht und viele Menschen wollen ihren Lebensstandard auch im Urlaub halten. Aber für diejenigen, die Interesse daran haben, würde eine Möglichkeit geschaffen werden, nette, gastfreundliche Locals kennen zu lernen und sie zudem noch zu unterstützen. Solange man nicht das Gefühl hat abgezockt, sollte man sich auch als Gast und nicht als Kunde fühlen.
Man könnte die Idee sogar noch weiter spinnen. Der Mittler hält einen Teil des Gewinns zurück und zahlt ihn später für Solarzellen oder andere sinnvolle Investitionen aus. Aber erst mal eins nach dem anderen. Zunächst einmal müssen alle Beteiligten ihren eigenen Business Case rechnen Für die potentiellen Vermieter muss die Rechnung aus Mieteinnahmen, Cross-Selling-Verkäufen (z.B. Essen, Transport) sowie Gebühren und Steuerabgaben aufgehen. Für die Betreiber der Plattform(en) muss sich die neue Kundengruppe rentieren. Zudem muss dieses „soziale Investment“ eine positive Auswirkung auf die Wahrnehmung des Unternehmens haben. In diesem Fall sollte das kein Problem sein: CSR wäre quasi im System eingebaut.
Ich freue mich auf Feedback, spannende Diskussionen …und vielleicht sogar schon Beispiele. :-)


